Kohlhaas und die Kneipe zum Goldenen Waschbären
Voll war es. Noch bevor die Lesung begann, wurden zusätzliche Stühle herangetragen, Tempelberger mischten sich mit Menschen, die mit dem Shuttle angereist waren.
Nicolas Flessa von der Burg Beeskow führte in die Lesung ein und erläuterte das Projekt „Campus Schreibkultur", in dessen Rahmen Ariana Emminghaus drei Wochen als Dorfschreiberin in Tempelberg verbracht hatte. Auch Arnold Bischinger, Leiter des Kultur- und Sportamtes des Landkreises Oder-Spree, sowie Stephanie Lubasch, Leiterin der Burg Beeskow, waren gekommen.
Dann las Ariana Emminghaus. Charmant und zurückhaltend trug sie zunächst eine Reihe von Haikus vor.
Große Energie und performative Kraft hatte der Vortrag ihrer fiktionalen Erzählung, entstanden aus Gesprächen mit Tempelbergerinnen und Tempelbergern. Darin ging es um den Weihnachtsbaumverkauf bei Lürssen, über Jahre eine feste Tradition. Menschen kamen von weit her, um ihren Baum auszusuchen. Im vergangenen Jahr wurde der Verkauf eingestellt. Für ein Kind, das nun endlich alt genug gewesen wäre, den Familienbaum selbst auszusuchen, eine Katastrophe. Der darauffolgende Wutanfall geriet bei Ariana Emminghaus zu einer kleinen Dorfapokalypse. Ein Schrei gegen die Ungerechtigkeit der Welt, gegen das Ende der Ordnung, gegen verschwundene Rituale. Die Umstehenden identifizierten das Kind schließlich als eine Wiederkehr des Hans Kohlhase, des historischen Vorbildes für den Michael Kohlhaas in Kleists gleichnamiger Erzählung. Dieser, so wird vermutet, soll hier in Tempelberg geboren worden sein.
So erzählte die Geschichte auch davon, wie sehr einzelne Veränderungen und Ereignisse das Dorfleben prägen können. Wenn Gewohnheiten verschwinden oder neue entstehen: Die Kneipe zum Goldenen Waschbären, in den Gesprächen als Wunsch und Vision aufgetaucht, wurde in ihrer Erzählung so lebendig, dass man sie fast vor sich sah.
An diesem Nachmittag wurde immer wieder spürbar, dass Ariana Emminghaus sehr genau und liebevoll zugehört hat. Zum Abschluss überreichte Margrit Tschanz ihr eine Tempelberger Kartoffelfest-Überraschungstasche. Und eine gute Nachricht gibt es auch noch: 2027 wird sie im Rahmen der geplanten Kleistfestspiele wiederkommen.
Zur Erinnerung an die Lesung bekommt jeder Haushalt den Text, verbunden mit einer Karte des Dorfes, auf der Stationen ihrer Erzählungen ebenso verzeichnet werden wie wichtige Orte Tempelbergs.
Vorschläge dafür können noch bis zum 30. Mai per Mail oder WhatsApp an den Verein geschickt werden.
Fotos: Falk Wieland: https://www.grenzlandfotografen.de
Campus Schreibkultur: https://www.burg-beeskow.de/mitmachen/campus-kultur
Text: Seraphina Lenz: https://www.seraphinalenz.de/